Green Sciences: Energiewende konkret

oder
„Wer nichts weiß, muss alles glauben“
von Dr. Günther Coen

In der Rubrik Green-Sciences werden künftig in loser Folge unter dem Titel Energiewende
konkret oder „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ Fakten zur aktuellen Energiepolitik
präsentiert.

Es geht also nicht darum, dem Meer der Meinungen zur tatsächlichen oder vermeintlichen
Energiewende eine weitere Meinung hinzuzufügen sondern den Leserinnen und Lesern
nachprüfbare Tatsachen zu liefern.

Die heutige, erste Folge von Energiewende konkret oder „Wer nichts weiß, muss alles
glauben“ ist dabei nur als Einleitung gedacht, die dazu dienen soll, die wichtigsten Facetten
des Themas vorzustellen.

Die Bezeichnung Green Sciences [ ≡ Grüne Naturwissenschaften ] steht dabei als
Oberbegriff für Environmental Sciences [≡ Umweltwissenschaften] und Sustainability
Sciences [≡ Nachhaltigkeitswissenschaften].

Als wichtigste Umweltwissenschaften zur Eindämmung der globalen Erderwärmung (und
ihrer möglichen politischen Folgen) seien hier nur die Umweltphysik, Umweltgeologie,
Umweltchemie, Ökologie und Klimatologie genannt.

Die nationale Plattform in Deutschland für die Nachhaltigkeitswissenschaften ist die
Initiative „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen“ (FONA) des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung (BMBF), die Akteure und Forschungsaktivitäten im Bereich
Forschung für Nachhaltigkeit zusammenführt.

Als Energiewende [/1/, /2/] wird ganz allgemein der Übergang von der nicht-nachhaltigen
Nutzung der endlichen fossilen Energieträger sowie der Kernenergie zu einer nachhaltigen
Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien bezeichnet.

Die Lösung des globalen Energieproblems mit Hilfe der Energiewende gilt als eine zentrale
Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Hauptziel der Energiewende ist es, die von der konventionellen, nicht-nachhaltigen
Energiewirtschaft (auf der Basis endlicher fossiler Energieträger sowie der Kernenergie)
verursachten ökologischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Probleme zu minimieren.

Hauptziel der politischen Bewertung der Energiewende ist dabei der Vergleich der
Vollkostenrechnung des Energiemarktes bei Durchführung und bei Unterlassung der
Energiewende. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass bei der Vollkostenrechnung auch
die bisher kaum eingepreisten externen Kosten aller Energieträger vollständig berücksichtigt
werden.

Die Energiewende umfasst alle drei Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. In der
öffentlichen Diskussion wird die Energiewende dagegen häufig auf den Stromsektor reduziert,
welcher in Deutschland nur rund 20% des Energieverbrauchs umfasst.

Aus rein technischer Sicht wird in den Grünen Naturwissenschaften eine vollständige
weltweite Energiewende bis 2030 für realisierbar gehalten [/3/].

Politische und praktische Probleme lassen jedoch erst eine Umsetzung bis 2050 möglich
erscheinen, wobei das Fehlen politischen Willens als größte Hürde erachtet wird [/4/].

Sowohl auf globaler Ebene als auch für Deutschland kommen Studien zu dem Ergebnis,
dass die Vollkosten in einem regenerativen Energiesystem anfangs auf gleichem Niveau
wie in einem konventionellen fossil-nuklearen Energiesystem liegen [/5/, /6/] und später
günstiger sein werden [/7/, /8/].

Ein wichtiges Instrument zur Durchführung oder zum Ausbremsen der Energiewende in
Deutschland ist das Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (kurz Erneuerbare-
Energien-Gesetz [EEG]). Das Gesetz wird daher sowohl als technisches wie auch als
finanzielles Steuerungselement in Energiewende konkret oder „Wer nichts weiß, muss alles
glauben“ eine wichtige Rolle spielen.

Pionier der Energiewende ist Dänemark, das im Jahr 2012 bereits 30 % seines Strombedarfs
mittels Windenergie deckte. Bis 2050 strebt Dänemark eine vollständig regenerative
Energieversorgung in allen drei Sektoren an [/9/].

Ebenfalls von großer Bedeutung ist die deutsche Energiewende, die weltweit Zustimmung
und Nachahmer, aber auch Kritik und Ablehnung erfahren hat. Obwohl sie in der
Öffentlichkeit fälschlicherweise oft mit dem zweiten Atomausstieg 2011 verbunden wird,
begann die Energiewende in Deutschland bereits in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts mit
der Förderung erneuerbarer Energien und der Einstellung neuer Kernkraftwerksprojekte.

Nachdem nun klar ist, um welche Fakten der aktuellen Energiepolitik es in der Rubrik Green-
Sciences beim Thema Energiewende künftig gehen soll, soll das Wort konkret im Titel
Energiewende konkret dezent aber unmissverständlich darauf hinweisen, dass es nicht um das
Absondern nichtssagender Allgemeinplätze oder ständig wiederholter politischer Phrasen geht
sondern um nachprüfbare Fakten.

Der Untertitel „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ist zunächst ein Zitat der
österreichischen Schriftstellerin Marie Freifrau Ebner von Eschenbach (* 13.09.1830; †
12.03.1916) aus dem Jahr 1893.
Mit diesem Zitat führt die Aurorin 109 Jahre nach dem 1784 von Immanuel Kant (*
22.04.1724; † 12.02.1804) formulierten Leitspruch der Aufklärung „Habe Mut, dich deines
Verstandes zu bedienen“ [„Sapere aude!“] den Menschen eindringlich vor Augen, was
passiert, wenn man sich nicht des eigenen Verstandes bedient.

Der Untertitel ist aber ebenso der Titel eines sehr erfolgreichen österreichischen TV-Physik-
Magazins der „Science Busters“, das mittlerweile seit 6 Jahren auch in Buchform vorliegt
[/10/].

Das Erfolgsrezept des Wissenschaftsmagazins besteht darin, dass genau die Menschen dezent
aber genüsslich durch den Kakao gezogen werden, die sich eben nicht des eigenen Verstandes
bedienen.

Literaturhinweise:

 
 /1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Energiewende

  /2/ Aviel Verbruggen, Could it be that Stock-Stake Holders Rule Transition Arenas? in:
 Achim Brunnengräber, Maria Rosaria du Nucci (Hrsg), Im Hürdenlauf zur
 Energiewende. Von Transformationen, Reformen und Innovationen. Zum 70.
 Geburtstag von Lutz Mez, Wiesbaden 2014, 119–133, S. 120.

 /3/ Mark Z. Jacobson, Mark A. Delucchi, Providing all global energy with wind, water,
 and solar power, Part I: Technologies, energy resources, quantities and areas of
 infrastructure, and materials. In: Energy Policy 39, Vol. 3, (2011), 1154–1169,
 doi:10.1016/j.enpol.2010.11.040.

 /4/ Nicola Armaroli, Vincenzo Balzani, Towards an electricity-powered world. In:
 Energy and Environmental Science 4, (2011), 3193–3222, S. 3216,
 doi:10.1039/c1ee01249e.

 /5/ Mark A. Delucchi, Mark Z. Jacobson, Providing all global energy with wind, water,
 and solar power, Part II: Reliability, system and transmission costs, and policies. In:
 Energy Policy 39, Vol. 3, (2011), 1170–1190, doi:10.1016/j.enpol.2010.11.045.

 /6/ Andreas Palzer, Hans-Martin Henning, A comprehensive model for the German
 electricity and heat sector in a future energy system with a dominant contribution from
 renewable energy technologies—Part II: Results. In: Renewable and Sustainable
 Energy Reviews 30, (2014), 1019–1034, S. 1027, doi:10.1016/j.rser.2013.11.032.

 /7/ Deng et al, Transition to a fully sustainable global energy system. In: Energy Strategy
 Reviews 1, (2012), 109–121, S. 118, doi:10.1016/j.esr.2012.07.003.

 /8/ Olav Hohmeyer, Sönke Bohm, Trends toward 100 % renewable electricity supply in
 Germany and Europe: a paradigm shift in energy policies. In: Wiley Interdisciplinary
 Reviews: Energy and Environment 4, (2015), 74–97, S. 91f, doi:10.1002/wene.128.

 /9/ Benjamin Biegel, Lars Henrik Hansen, Jakob Stoustrup, Palle Andersen, Silas Harbo,
 Value of flexible consumption in the electricity markets. In: Energy 66, (2014), 354–
 362, S. 354 doi:10.1016/j.energy.2013.12.041.

 /10/ W. Gruber, H. Oberhummer, M. Puntigam: „Wer nichts weiß, muss alles glauben“,
 Ecowin-Verlag Salzburg, 1. Auflage, 2010, ISBN 978-3-902404-93-0