Fake News zum Thema „Luftverschmutzung“

Hammer

Selbsternannte „Experten“ stellen sich in den Lobby-Dienst der Autoindustrie – ohne echtes Know-how oder einschlägige Kompetenz!

Im Jahr 2002 schrieb Frank Luntz, damals politischer Berater der Republikanischen Partei unter George W. Bush, ein folgenschweres Memo.  Darin erklärte er „so lange die Wähler glauben, dass sich die Wissenschaftler nicht über den Klimawandel einig seien““, würde der Status Quo Bestand haben. Der Schlüssel zur Verhinderung wirksamer Umweltgesetze liege darin, die Wissenschaft in Frage zu stellen. Schließlich habe die Tabakindustrie auf diese Weise über Jahrzehnte entsprechende Gesundheitsgesetze verhindert. Daraufhin wurden in den USA zahlreiche „unabhängige“ Institute aktiv und begann damit, die Ergebnisse der Klimaforschung in Frage zu stellen.

Alle diese Institute waren in der einen oder anderen Weise mit der Mineralindustrie verknüpft und häufig direkt oder indirekt von ihnen finanziert. Die Harvard-Professorin Naomi Oreskes zeigte dies umfassend in ihrem 2010 erschienenen Buch „The Merchants of Doubt“ (deutsch: „Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens.“). Das Buch gilt mittlerweile als Standardwerk in Bezug auf die organisierte Klimaskepsis durch Industrielobbyisten.

Das Buch zeigt, dass viele Industriezweige, beginnend mit der Tabakindustrie, aber auch die Erdöl- und Chemieindustrie nach diesem immer gleichen Muster versucht haben, schärfere Umweltgesetze zu verhindern. In der Regel wurden angeblich unabhängige „Experten“ vorgeschoben, die erklärten, dass diese oder jene wissenschaftliche Erkenntnis noch zu unsicher sei, um daraus Gesetze abzuleiten. Jeder Tag, den die Industrien durch diese Vezögerungen gewinnen konnten war für sie bares Geld.

Wenn nun 112 Lungenfachärzte öffentlich erklären, dass die Luftschadstoffe NOx und Feinstaub gar nicht so schlimm sein, und den Grenzwerten dafür die wissenschaftliche Grundlage fehle, darf man daher auch vorsichtig fragen, ob wir es hier mit einem ähnlichen Manöver zu tun haben.

In einem Interview des Deutschlandfunks vom 24.1.2019 (https://www.deutschlandfunk.de) erklärt z.B. der Schweizer Experte für Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe, Prof. Nino Künzli, dass kein einziger der Unterzeichnenden jemals  wissenschaftlich gearbeitet hätte. Das Positionspapier sei daher unwissenschaftlich. In dem Interview widerlegt er außerdem alle Aussagen, die die Lungenfachärzte aufgestellt haben.

Die Initiative dieser „Nicht-Wissenschaftler“ hat aber trotzdem große Wirkung. Denn jeder (auch mancher Reporter) denkt natürlich, „aha Lungenfacharzt, der muss sich ja auskennen“. Dabei wird aber übersehen, dass die allermeisten Ärzte während ihrer ganzen Ausbildung nur eine einzige wissenschaftlche Arbeit verfassen, ihre Doktorarbeit. Und die ist gerade in der Medizin oft eher überschaubar. Wer es nicht glaubt, kann mal auf der Website einer typischen Mediziner-Jobbörse nachlesen (https://www.praktischarzt.de). Da steht „Eine durchschnittliche medizinische Doktorarbeit hat dabei ca. 100 Seiten.“ und weiter „Schreibt man die Doktorarbeit am Stück, kann man von 150-250 Stunden Aufwand ausgehen. Hat man immer nur phasenweise Zeit und muss sich immer wieder neu in die Thematik reindenken, kann der Aufwand 250 – 300 Stunden betragen.“ Und schließlich „Dies sind natürlich alles nur Richtwerte, darum gilt: mit der medizinischen Doktorarbeit sollte so früh wie möglich begonnen werden. Schwierige Themen sollten besonders frühzeitig begonnen werden. Viele Studenten fangen mit dem Schreiben zwischen dem 5. und 10. Semester an.“

Umgerechnet sind das also 1 bis 2 Monate, dann ist der „Dr. med.“ fertig – neben dem Studium. Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu „In der Medizin entsprechen Dissertationen in Zeitaufwand und Umfang teils eher Bachelorarbeiten anderer Fächer.“ (https://www.sueddeutsche.de)  Wie sieht das bei „richtigen“ Wissenschaftlern aus? Laut dem Job-Portal „academics.de“ erhalten  Naturwissenschaftler, Mathematiker und Psychologen ihren Doktortitel im Schnitt nach 4,3 Jahren (https://www.academics.de) und sind damit noch schneller als z.B. Ingenieure oder Geisteswissenschaftler.

Auf dem gleichen Portal findet man noch die folgende Information, dass „Promotionen in der Medizin oft als minderwertige Schmalspur-Arbeiten gelten. Von ihrem Erkenntnisgehalt könnten sie allenfalls mit den Masterarbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern mithalten, keinesfalls aber mit den dortigen Doktorarbeiten. Im europäischen Vergleich müssen deutsche Mediziner deshalb bei einer Bewerbung um EU-Fördergelder ihre wissenschaftliche Eignung zusätzlich nachweisen, während bei anderen Ländern die Promotion reicht.“ (https://www.academics.de)

Was ist das Fazit?

Rund hundert Menschen, die sich mit Lungenkrankheiten auskennen, haben öffentlich erklärt, dass sie wissenschaftlich abgeleitete Grenzwerte für Luftschadstoffe anzweifeln, obwohl sie nachweislich keinerlei Kompetenz darin haben, Grenzwerte für Luftschaftstoffe zu beurteilen. Und alle Medien berichten darüber. Was ist also der wahre Grund dieser Initiative und warum gerade jetzt? Kann es sein, dass bei den Befürwortern der systematischen Luftverschmutzung in Autoindustrie und Politik langsam die Panik ausbricht? Das wäre ja auch kein Wunder, denn fachliche Argumente haben sie keine.

In dem o.g. Interview erklärt der Experte, heute sei sehr klar, „dass der Feinstaub, Stickoxide, Ozon und all diese Schadstoffe aus der Verbrennung, aus dem Verkehr, gesundheitliche Folgen haben in der Bevölkerung – und zwar ohne nicht schädigende Schwellenwerte. Es gibt keine Schwellenwerte, sondern es gilt grundsätzlich: Je höher diese Konzentrationen, umso mehr sind betroffen und umso stärker sind auch die Folgen. Und die Folgen gehen von Atemwegserkrankungen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu metabolischen Veränderungen.

Das ist übrigens belegt auch in experimentellen Studien. Und die Leute, die in dieser Wissenschaft beteiligt sind und diese etwa 30.000 Arbeiten geschrieben haben, die in den letzten 30 Jahren herausgekommen sind zu diesem Thema, sind sich darüber eigentlich völlig einig. Es gibt gar keinen Expertenstreit. Es gibt Laien wie Professor Köhler, die sich jetzt einfach hinstellen und aus dem Bauch heraus so ihre Meinung kundtun, ihre Vorstellung, wie die Welt funktioniert. Aber da muss man einfach sagen: Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten.“

Es gibt also keinen Expertenstreit!

Im Gegenteil, selbst die Fachgesellschaft der Lungenfachärzte ist der gleichen Meinung wie WHO, EU, Bundesumweltministerium, GRÜNE und Umweltverbände. Sie erklärt: „In Deutschland liegt die Krankheitslast durch Luftverschmutzung an zehnter Stelle der Risikofaktoren und ist damit auch hierzulande der wichtigste umweltbezogene Risikofaktor.“  https://pneumologie.de) Wenn es also gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen der großen Mehrheit der Lungenfachärzte und den Umweltschützern gibt, warum dann der ganze Aufruhr?

Eigentlich ist das doch das gleiche, wie wenn 100 Mitarbeiter einer Fischstäbchenfabrik öffentlich die geltenden Trinkwassergrenzwerte kritisieren. Schließlich kennen die sich ja mit Fischen aus! Zunächst einmal ist Streit super für Quoten und Auflagen! Da kann man berichten, Talkshows machen, Interviews führen. Dass man damit den „Machiavellis der Wissenschaft“ in die Hände spielt und dies letztlich auf Kosten menschlicher Gesundheit geht, ist offenbar egal.

Und vielleicht darf man auch nicht vergessen, dass Autokonzerne in Zeitungen und auf Fernsehsendern Anzeigen schalten, aber nein, das kann ja gar keinen Einfluss auf die Berichterstattung haben, das wäre ja unethisch.

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